Sechs Monate lang hospitierte Alexander Brand an Schulen in Finnland, Estland, Japan und Singapur. Was diese PISA-Spitzenländer besser machen, erzählt der Journalist und Lehrer in seinem Sachbuch „Die Bildungsweltmeister“ (Beltz, 2026). Im Interview berichtet er, was Deutschland von diesen Ländern bei Fragen der Transformation lernen kann.
Herr Brand, für Ihr Buch „Die Bildungsweltmeister“ haben Sie mehrere Länder besucht, die bei PISA besonders erfolgreich sind. Wenn Sie auf diese Systeme zurückblicken: Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Mich hat vor allem beeindruckt, wie konsequent einige dieser Systeme beim Thema Professionalisierung sind. Wenn wir über Bildungserfolg sprechen, reden wir in Deutschland oft über Strukturfragen oder über Lehrpläne. Viele erfolgreiche Schulsysteme rücken dagegen sehr klar die professionelle Arbeit der Lehrkräfte in den Mittelpunkt. In Singapur etwa gehört es zum Berufsalltag, dass Lehrkräfte regelmäßig in sogenannten „professionellen Lerngemeinschaften“ zusammenarbeiten. Wöchentlich werden dort Unterrichtsprojekte gemeinsam geplant und weiterentwickelt. Diese Zusammenarbeit ist fest eingeplant und Teil der regulären Arbeitszeit. Das prägt die Kultur eines Systems.
Inwiefern?
Lehrkräfte verstehen sich als Teil einer lernenden Profession. Am Ende eines Schuljahres kommt das Kollegium zu einem didaktischen Symposium zusammen. Dort teilen die Lehrkräfte die Erkenntnisse aus ihren Lerngemeinschaften mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Oft arbeiten alle Lerngemeinschaften zu einem gemeinsamen Leitthema, beispielsweise zum digitalen Lernen. Auch Lehrkräfte von anderen Schulen aus der Region sind dazu eingeladen. Jeweils zehn bis 14 Schulen schließen sich zu einer Schulfamilie zusammen und arbeiten eng zusammen. Zudem können sich Lehrkräfte-Teams aus verschiedenen Schulen in landesweiten Netzwerken austauschen.
Haben Sie eine solche kooperative Kultur auch in anderen Ländern in den Kollegien beobachten können?
Ja, zum Beispiel in Japan. An Grund- und Sekundarschulen ist dort die Methode zur Unterrichtsentwicklung namens „Lesson Study“ weit verbreitet. Dabei plant eine Gruppe von Lehrkräften über mehrere Wochen hinweg gemeinsam eine Forschungsstunde, ausgehend von einer Frage aus ihrer Unterrichtspraxis. Sie recherchieren Best-Practice-Beispiele, sprechen womöglich sogar mit Lehrkräften von anderen Schulen oder Experten aus der Wissenschaft. Dann hält eine Lehrkraft aus dem Team die Stunde, während die anderen das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler beobachten. Im Anschluss wird gemeinsam reflektiert. Zudem veröffentlichen die Schulen Berichte aus der „Lesson Study“, laden zu Tagen der offenen Tür ein und arbeiten in regionalen Netzwerken zusammen. Wie in Singapur gibt es also im System Mechanismen, mit denen Innovationen aus einzelnen Klassen in viele weitere Klassen oder auch an andere Schulen getragen werden.
Was bedeutet das für die Veränderungsfähigkeit eines Schulsystems?
Diese kontinuierliche Weiterbildung sorgt dafür, dass das System beweglich bleibt. Wenn neue Themen aufkommen, etwa künstliche Intelligenz oder veränderte Prüfungsformate, gibt es bereits Strukturen, um sich damit auseinanderzusetzen. Die Schulen müssen sich nicht erst organisieren. Bei uns liegt der Schwerpunkt traditionell stark auf der Ausbildung. Das Studium und das Referendariat sind lang und anspruchsvoll. Das lebenslange Lernen wird bei uns jedoch nicht besonders betont. Aber Schule und der Lehrerberuf verändern sich ständig. Wenn die Fortbildung nicht Schritt hält, entsteht zwangsläufig eine Lücke.
Blicken wir auf die Ebene der Bildungsverwaltung. Wie werden die Veränderungen in den von Ihnen besuchten Systemen gesteuert?
In Singapur arbeitet man bei der Bildungssteuerung häufig mit mehrjährigen Strategieplänen und konkreten Zielen. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten EdTech-Masterpläne, die die Entwicklung der digitalen Bildung an Schulen über einen Zeithorizont von jeweils fünf Jahren vorantreiben. Neue Initiativen werden zunächst immer an ausgewählten Schulen erprobt. Dabei werden Erfahrungen gesammelt und aus Fehlern gelernt. Erst danach erfolgt eine schrittweise Ausweitung. Gleichzeitig prüft das Ministerium sehr genau, ob die Voraussetzungen stimmen. Gibt es geschulte Lehrkräfte? Verfügen die Schulleitungen über die nötige Expertise? Das Ministerium formuliert klare Ziele und Entwicklungsrichtungen. Innerhalb dieses Rahmens haben Schulen Spielraum. Sie können Tempo und konkrete Ausgestaltung an ihre Situation anpassen. Diese Kombination aus Klarheit und Flexibilität scheint mir ein entscheidender Faktor zu sein.
Wie würden Sie das mit Deutschland vergleichen?
In Deutschland erleben wir häufig, dass Reformen sehr ambitioniert gestartet werden, während die Umsetzungskapazitäten vor Ort unterschiedlich ausgeprägt sind. Das führt schnell zu Überforderung. Etwas Ähnliches ist mir in Finnland aufgefallen. Das Land schneidet bei PISA zwar immer noch überdurchschnittlich ab, doch die Leistungen sind zuletzt stark gesunken. Viele Lehrkräfte und Forschende, mit denen ich gesprochen habe, sehen dafür auch die immer schnellere Umsetzung von Reformen mitverantwortlich. So sind die Behörden beispielsweise 2016 dazu übergegangen, neue und generalsanierte Schulen mit offenen Lernlandschaften ohne richtige Klassenzimmer zu bauen. Viele Lehrkräfte haben mir berichtet, dass diese Reform sehr stark von oben herab umgesetzt wurde, ohne die Lehrkräfte ausreichend in den Prozess miteinzubeziehen. Es gab keine Pilotprojekte oder wissenschaftliche Evidenz dafür, dass dies eine gute Idee war. Die neuen Lernumgebungen waren sehr laut und für viele Kinder überfordernd. Nun kehren sehr viele Schulen wieder um. Sie bauen wieder Wände ein oder installieren dicke Vorhänge. Ein Bildungsforscher sagte mir: „Wenn Lehrkräfte mehr in den Prozess eingebunden worden wären – wie es in Finnland lange Zeit üblich war –, hätte das Ergebnis sicher anders ausgesehen.“
Mehr zum Buch „Die Bildungsweltmeister“
Seit Jahren verschlechtern sich die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler, wie die PISA-Studie zeigt. Der Journalist und Lehrer Alexander Brand besucht die Schulen der Bildungsweltmeister Finnland, Estland, Japan und Singapur und fragt: Was machen diese Länder anders? Brand zeigt, wie Motivation und Lernerfolg auch bei schweren Stoffen und weniger leistungsstarken Kindern gelingen. Er erzählt, wie wichtig Wertevermittlung ist und warum er in Japan den Direktor beim Müllsammeln trifft. Und er staunt, wie vielfältig Bildung in anderen Kulturen ist.
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