Vor einem halben Jahr sorgte ein Treffen für bundesweite Aufmerksamkeit. Die Spitzen von Union und SPD kamen in Würzburg zu einer Klausur zusammen. Bemerkenswert war weniger, was dort politisch verhandelt wurde, sondern dass das Treffen explizit dem Miteinander diente. Teambuilding auf höchster politischer Ebene reichte aus, um Irritationen auszulösen. Die Reaktionen darauf legen eine grundlegende Frage offen: Warum gilt es in der Politik als ungewöhnlich, Beziehungen bewusst zu pflegen? Und was sagt es über den politischen Betrieb aus, wenn der Aufbau von Vertrauen als Besonderheit wahrgenommen wird?
Oft gerät aus dem Blick, dass Politik immer auch ein Beziehungsgeschehen ist. Häufig betrachten wir sie als Wettbewerb um Macht, Programme und Deutungshoheit. Politische Prozesse erscheinen dann als Abfolge von Talkshows, Verhandlungsrunden und strategischen Manövern. Doch ihr Fundament ist ein anderes. Politik ist ein menschliches Geschäft. Sie entsteht im Zusammenspiel von Personen, Perspektiven und Interessen. Und sie wird besser, wenn sie auf Vertrauen, Zuhören und dem ernsthaften Versuch beruht, die Sichtweisen anderer zu verstehen.
Demokratie trägt dabei eine produktive Spannung in sich. Sie lebt von Unterschieden, von Streit und Konfliktfähigkeit. Zugleich ist sie auf Kooperation und Gemeinsinn angewiesen. Gerade weil Macht geteilt wird, braucht es eine Vorstellung davon, wie diese Ambivalenz konstruktiv gelebt werden kann, ohne die Sache selbst, die beteiligten Personen oder das demokratische System zu beschädigen.
Wo stabile Beziehungen fehlen, kippen politische Prozesse schnell in Misstrauen, symbolische Konflikte und oberflächliche Kompromisse. Die letzte Bundesregierung war dafür ein Lehrstück. Der Koalitionsvertrag der Amepl stand unter dem Versprechen des Fortschritts, doch es fehlte ein gemeinsames Verständnis von Wandel und ein belastbares persönliches Fundament. Misstrauen verdrängte Aufbruch. Das Scheitern war weniger inhaltlich als beziehungspolitisch.
Was wäre also, wenn wir politische Beziehungen nicht dem Zufall überließen, sondern systematisch mitdenken würden? Politische Prozesse könnten erheblich gewinnen, wenn Beziehungsgestaltung nicht als Kür, sondern als Teil des politischen Handwerks verstanden würde. Denkbar wäre, dass in Koalitionsverhandlungen zunächst Räume entstehen, in denen Vertrauen aufgebaut wird, bevor Inhalte verhandelt werden. Dass zukünftige Partner:innen Zeit investieren, um zu verstehen, wie die anderen Personen denken, entscheiden und Prioritäten setzen. Das mag aktuell unvorstellbar klingen und würde im schnelllebigen politischen Geschäft zu Beginn Zeit kosten, könnte aber Jahre destruktiver Konflikte ersparen und Politik schlicht besser machen.
Auch in der Regierungspraxis ließe sich Beziehungspflege institutionalisieren. Rituale der Verständigung, regelmäßige gemeinsame Reflexion und geschützte Räume für Klärung könnten so selbstverständlich werden wie Kabinettssitzungen oder Pressekonferenzen. Und in Verwaltungen könnte der Blick stärker auf die Menschen gerichtet werden, die an Schnittstellen arbeiten, auf ihre Logiken, Sprachen und Verantwortlichkeiten. Echte Begegnung würde dann formale Koordination ergänzen und oft erst wirksam machen.
Politik konzentriert sich traditionell stark auf das Was. Programme, Gesetze und Strategien stehen im Mittelpunkt. Doch über Wirksamkeit entscheidet häufig das Wie. Vertrauen, Beziehungspflege und Dialog sind keine weichen Faktoren, sondern Voraussetzungen politischer Handlungsfähigkeit. In vielen Organisationen ist diese Erkenntnis längst verankert. Es gibt Rollen für Moderation, Mediation und Prozessbegleitung. Paradoxerweise fehlt diese Professionalisierung ausgerechnet dort, wo Konflikte besonders folgenreich sind. Sachfragen werden im politischen Geschäft routiniert durch externe Expertise begleitet. Die Gestaltung des gemeinsamen Handelns bleibt hingegen oft Privatsache, unter hohem Zeitdruck und in nächtlichen Verhandlungsrunden.
Aus unserer praktischen Erfahrung sehen wir gerade in der Bildungspolitik, wie zentral diese Einsicht ist. Kaum ein Feld ist komplexer. Zuständigkeiten verteilen sich auf verschiedene Ebenen und Ressorts. Schulen, Kitas, Hochschulen, Jugendhilfe, Sozialpolitik, Verbände und Zivilgesellschaft sind gleichermaßen beteiligt. Wer Bildung gestalten will, bewegt sich in einem Geflecht unterschiedlicher Logiken und Kulturen. Bildung vom Kind aus zu denken bedeutet, diese Perspektiven so miteinander zu verbinden, dass sie sich ergänzen statt blockieren. Rein technische oder formale Lösungen stoßen hier schnell an Grenzen. Mit bestem Willen läuft man gegen strukturelle Barrieren und gerät zwischen die Mühlräder eines Systems, das ohne Beziehungsebene kaum steuerbar ist. Gerade deshalb braucht Bildungspolitik einen gemeinsamen Boden, der über Zuständigkeiten und Gesetze hinausgeht. Einen Raum, in dem Unterschiede verstanden und genutzt werden, in dem Vertrauen entsteht und gemeinsames Handeln möglich wird.
Wenn Beziehungen im Bildungssystem nicht länger als Nebensache gelten, sondern als strategische Ressource verstanden werden, könnte eine neue Qualität politischen Handelns entstehen. Fachlich fundiert, getragen von Vertrauen und gemeinsamer Verantwortung. Politik gewinnt an Wirksamkeit, wenn sie Beziehung ernst nimmt. In der Bildungspolitik zeigt sich besonders klar, wie notwendig ein gemeinsamer Verständigungsraum ist und wie geeignet dieses Feld wäre, ein Modell politischer Beziehungsfähigkeit zu entwickeln. Was hier gelingt, könnte weit über die Bildungspolitik hinaus wirken.
Dieser Beitrag wurde am 15. Januar 2026 über den Newsletter von Re:Form, ProjectTogether versendet. Re:Form ist eine Allianz aus Verwaltungspionier:innen, die heute schon am Staat von morgen arbeiten. Im Re:Form-Newsletter können Sie wöchentlich Best Practices und Reflexionen zu einem zukunftsfähigen Staat aus der Re:Form-Community lesen. Hier geht es zur Anmeldung: https://news.projecttogether.org/reform
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