Lesediagnostik kann helfen zu verstehen, wo Kinder und Jugendliche in ihrer Leseentwicklung stehen und welche Unterstützung sie brauchen, um ihre Lesekompetenz weiterzuentwickeln. Die Frage, welche Lesediagnostik in welchem Kontext geeignet ist, mag zunächst wie eine fachliche Detailfrage erscheinen. Tatsächlich ist sie jedoch von großer praktischer Relevanz – für Lehrkräfte ebenso wie für Fachberatung, Fortbildung und Bildungsadministration. Denn es gibt eine Vielzahl an Lesediagnostik-Instrumenten und Tools mit unterschiedlichen Merkmalen, wenn es z. B. um Zielgruppen, Kompetenzbereiche oder die Art der Rückmeldung geht. Um hier eine bessere Orientierung zu schaffen, soll eine interaktive Übersicht Unterstützung leisten.
Mit dieser Perspektive haben wir am 10. März 2026 im Workshop „Übersichtstool Lesediagnostik“ im Crespo-Haus in Frankfurt am Main gearbeitet. Gemeinsam mit Vertreter:innen aus der Schulpraxis in Grund- und Förderschulen, lesedidaktischer Forschung, Landesinstituten, Dateninstituten, Bildungsministerien und Stiftungen wurde ein erster konzeptioneller Rahmen für ein digitales Übersichtstool entwickelt. Das Ziel: eine Orientierungshilfe, die Akteur:innen im Bildungssystem dabei unterstützt, passende Instrumente zur Diagnose von Lesekompetenzen gezielter auszuwählen – nicht abstrakt, sondern ganz pragmatisch ausgehend von ihren konkreten Bedarfen, Entscheidungsfragen und Nutzungskontexten.
Im Workshop wurde deutlich, dass der Bedarf an einer solchen Orientierungshilfe groß ist. Die Landschaft vorhandener Instrumente ist vielfältig, die Anforderungen sind unterschiedlich, und je nach Rolle im System (z. B. Bildungsverwaltung vs. Lehrkraft) verschieben sich die Kriterien für ein passendes Diagnostiktool. Gerade deshalb reicht es nicht aus, Informationen lediglich zu sammeln oder verfügbar zu machen. Es braucht eine Struktur, die Komplexität so ordnet, dass daraus praktische Orientierung entsteht.
Im Mittelpunkt standen daher die Fragen:
- Wie sehen die Perspektiven und Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen aus?
- Welche Entscheidungsfragen leiten die Auswahl von Diagnostik?
- Wie könnte eine nachvollziehbare Entscheidungslogik für ein Übersichtstool aussehen?
- Und wie lassen sich diese Überlegungen in erste Prototypen übersetzen?
Dass wir diese Fragen in einem Design-Thinking-Sprint bearbeitet haben, war kein Zufall. Die Methode hat einen Rahmen geschaffen, in dem gemeinsames Nachdenken, Perspektivwechsel und erste konkrete Entwicklungsschritte zusammenkommen konnten. Genau darin liegt aus unserer Sicht eine wichtige Qualität: Komplexe Herausforderungen im Bildungssystem lassen sich dann besonders gut bearbeiten, wenn unterschiedliche Perspektiven nicht nur angehört, sondern aktiv in die Lösungsentwicklung eingebunden werden. Der Workshop war damit auch ein Beispiel dafür, wie ko-konstruktive Prozesse dazu beitragen können, tragfähige Lösungen zu entwickeln: nutzerzentriert, praxisnah und offen für unterschiedliche Logiken im System.
Wenn alle Kinder gut und flüssig lesen sollen, brauchen wir nicht nur wirksame Ansätze für Leseförderung wie das Leseband, sondern auch einen niedrigschwelligen Zugang zu Diagnostik, um zu verstehen, wo passgenaue Förderung ansetzen kann. Ein neuartiges Übersichtstool kann dafür ein wichtiger Baustein sein – insbesondere dann, wenn es Diagnose- und Förderperspektiven sinnvoll zusammenführt.
Wir danken allen Beteiligten für den offenen, intensiven und konstruktiven Austausch.

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