Das neu erschienene SWK-Gutachten „Datengestützte Steuerung und Entwicklung von Schulen“ (März 2026) ist ein wichtiger Meilenstein für das Arbeiten mit Daten im deutschen Schulsystem. Das betrifft die Steuerung des Systems, die individuelle Diagnostik und Förderung sowie die Stärkung von Wohlbefinden und positivem Schulklima durch Daten. Das Gutachten und die Empfehlungen verstärken die Dynamik in der Debatte. Für die fachinterne wie auch die gesamtgesellschaftliche Debatte zu dem Thema sind neben wissenschaftlichen Grundlagen die Erfahrungen aus der Praxis zentral. Diese Erfahrungen sammeln wir in unserem Projekt Change Learning.

Wir erleben: Die Verfügbarkeit von Daten allein, unabhängig davon, auf welcher Ebene des Bildungssystems, verändert keine Praxis und Prozesse in Schulen. Vielmehr geht es uns bei Change Learning darum, gemeinsam mit Akteuren des Schulsystems Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wozu brauchen wir Daten in und für Schulen wirklich? Wie wird mit Daten gearbeitet und unter welchen Bedingungen tragen sie zu einer echten Weiterentwicklung von Schule bei? Vor allem aber: Wie profitieren Schüler:innen davon? Inwiefern verbessern Daten also ihr Lernen?

Datenbasiertes Arbeiten kann als Ressource für Lernen und Entwicklung auf allen Ebenen des Schulsystems verstanden werden. Potenzial entfalten Daten dort, wo sie Orientierung geben, Reflexion ermöglichen und gemeinsames Lernen unterstützen. Es geht also nicht nur um Datenerhebung, sondern um die Frage, wie Schulen als lernende Systeme gestärkt werden können. Diese Themen sollten in der Debatte handlungsleitend sein. Das SWK-Gutachten benennt dafür zentrale Handlungsfelder – von Unterrichts- und Schulentwicklung, Schulklima, über Schulaufsicht bis hin zum Systemmonitoring. Da unser Projekt Change Learning unterschiedliche Aktivitäten umfasst, die sich den genannten Ebenen zuordnen lassen, wollen wir mithilfe von konkreten Beispielen aus Change Learning verdeutlichen, was datenbasierte Steuerung und Schulentwicklung im Kern bedeutet und welche Richtung aus unserer Sicht vielversprechend ist.

1. Steuerungsebene: Orientierung statt Kontrolle

Auf der Ebene der datenbasierten Steuerung sollen Daten gemeinsame Zielorientierung, Koordination und Schulentwicklung unterstützen, jedoch ausdrücklich keine Kontrolle. Zentral ist daher eine Kultur des Dialogs über und mit Daten. Daten sollen dazu beitragen, dass Schulen durch politische Leitentscheidungen, administratives Handeln und Schulaufsicht in ihrer Entwicklung unterstützt werden, Bedarfe erkannt und aufgenommen werden.

Durch unsere Arbeit in Schleswig-Holstein bei der Entwicklung einer Datenstrategie wissen wir: Eine Strategie lässt sich nicht verordnen. Wenn im gesamten System vom Ministerium bis hin zur Lehrkraft mit Daten im System gearbeitet werden soll, braucht es Sinnhaftigkeit und Akzeptanz. Dies wiederum gelingt mit Transparenz und Beteiligung: Die Entwicklung eines Datendashboards profitiert technisch und konzeptionell, wenn die Nutzer:innen auf allen Ebenen von Anfang an einbezogen werden. Das Sprechen über Daten kann genauso eingeübt und als Kompetenz weiterentwickelt werden wie Data Literacy.

Gleichzeitig braucht es das Gefühl von Entlastung: Nicht jede:r muss ein Datencrack sein. Einfach aufbereitete Daten auf der einen Seite, Spezialisierung durch Datenbeauftragte oder “data units” in Schulen oder auch Ministerien auf der anderen Seite führen zu Rollenklarheit und Entlastung.

Neben einer verlässlichen technischen Infrastruktur braucht es also die Bereitschaft im System, mit Daten zu arbeiten. Entscheidend ist, dass datenbasierte Steuerung nicht als Top-down-Logik verstanden wird, sondern auf Akzeptanz und Vertrauen gründet. Es geht also zentral um eine Datendialogkultur. Daten sollten nicht primär der Kontrolle oder Rechtfertigung dienen, sondern Orientierung geben, Dialog ermöglichen und gemeinsame Entwicklungsprozesse unterstützen.

Unsere Kernbotschaft: Datenbasierte Steuerung wirkt dann, wenn sie nicht auf Kontrolle, sondern auf Orientierung, Dialog und gemeinsame Entwicklung ausgerichtet ist.

2. Unterrichts- und Schulebene: Datengestützte Diagnostik und Förderung zusammendenken

Eine zweite Ebene, die wir vor allem im Projekt „Leseband“ in den Blick nehmen, ist die datengestützte Diagnostik und Förderung von Schüler:innen im Unterricht. Auch hier gilt: Diagnostische Daten sind kein Selbstzweck. Ihr Wert zeigt sich dort, wo sie dazu beitragen, Lern- und Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen sichtbar zu machen und gezielt zu unterstützen. Im Zentrum stehen dabei die Kompetenzen und die Lernentwicklung der Schüler:innen auf Individualebene, etwa im Bereich der Leseförderung. Diagnostische Informationen können den Schüler:innen hier direktes Feedback zum Lernprozess geben. Lehrkräfte gewinnen wichtige Hinweise darauf, wo Kinder und Jugendliche in ihrer Kompetenzentwicklung stehen. Zugleich können diagnostische Informationen auch in aggregierter Form auf Klassen- oder Schulebene wichtige Impulse für die datengestützte Weiterentwicklung von Unterricht und Schule geben, etwa für die Gestaltung jahrgangsübergreifender Lernangebote oder für eine engere Zusammenarbeit von Lehrkräften über Fächergrenzen hinweg, wie sie im Leseband angelegt ist.

Ein veränderter Umgang mit Daten entsteht jedoch nicht von allein – dafür braucht es unterstützende Rahmenbedingungen im Gesamtsystem. Dazu gehören gezielte Fortbildungen zur Interpretation von Diagnosedaten und zu fachdidaktischen Fördermöglichkeiten, Zeit für kollegialen Austausch sowie Unterstützungsangebote auf allen Ebenen des Schulsystems – auch für Führungskräfte. In einigen Ländern bestehen darüber hinaus bereits institutionalisierte Unterstützungsstrukturen, etwa Dateninstitute, die Schulen zu datenbezogenen Fragen beraten. Solche Angebote können dazu beitragen, dass Daten nicht nur erhoben, sondern auch in konkrete Entwicklungsprozesse übersetzt werden.

Idealerweise ließen sich aus diagnostischen Informationen direkt konkrete Förderempfehlungen und Ableitungen für die Gestaltung des Unterrichts gewinnen. Für diese „Übersetzungsleistung“ von Ergebnissen in Förderung gibt es bislang allerdings noch keine flächendeckenden, praxiserprobten Lösungen. Gerade im Leseband zeigt sich, wie wichtig nutzerorientierte, praktikable Tools und leicht verständliche Ergebnisse für den Schulalltag sind. Die Arbeit mit datengestützter Lesediagnostik kann so eine tragfähige Grundlage für Gespräche über Lernstände und Lernentwicklung bilden – mit den Schüler:innen selbst, im Kollegium und mit Eltern.

Insofern kann das Leseband Lehrkräften, Schulen und den verschiedenen Ebenen des Schulsystems einen guten Ausgangspunkt bieten, um zielorientiert mit Daten zu arbeiten: Was zeigen die Daten? Wie können sie in konkrete Förderung münden? Was bedeuten die Erkenntnisse für Unterrichts- und Schulentwicklung? In Deutschland stehen wir beim produktiven Umgang mit Daten noch eher am Anfang. In den kommenden Jahren wird sich hier voraussichtlich noch einiges entwickeln. Umso wichtiger ist es, den kompetenten Umgang mit Diagnostik systematisch einzuüben. Wenn Lehrkräfte dabei unterstützt werden, diagnostische Ergebnisse zu interpretieren und daraus Förderung abzuleiten, kann sich schrittweise eine neue datengestützte Kultur entwickeln. Wenn Schulen Raum schaffen, um sich über genau diese Fragen auszutauschen und im eigenen Handeln neue Wirksamkeit zu erfahren, kann dies schrittweise gelingen. Davon profitieren am Ende vor allem die Schüler:innen – und mit ihnen Schule insgesamt.

Unsere Kernbotschaft: Diagnostische Daten entfalten ihre Wirkung erst dort, wo sie in wirksamer Förderung münden. Um einen niedrigschwelligen Einstieg in die Arbeit mit Daten zu ermöglichen, braucht es praxistaugliche Diagnostik- und Förderinstrumente, Datenkompetenz auf allen Ebenen des Schulsystems und Raum für Austausch.

3. Perspektive der Lernenden: Schülerfeedback als Grundlage datengestützter Schulentwicklung

Eine dritte Ebene betrifft das datengestützte Schülerfeedback zu Themen wie Wohlbefinden, Beteiligung, sozialer Eingebundenheit und Schulkultur. Solche Daten sind bedeutsam, weil sie sichtbar machen, wie Schüler:innen Schule tagtäglich erleben. Damit rücken Aspekte in den Mittelpunkt, die für gelingende Bildungsprozesse zentral sind, im Schulalltag aber häufig nicht systematisch erfasst werden. Ob sich Schüler:innen zugehörig fühlen, Unterstützung erleben, Belastungen wahrnehmen oder echte Mitgestaltung erfahren, beeinflusst nicht nur ihr Wohlbefinden, sondern auch ihre Lernbereitschaft, ihre Beteiligung und ihre Bildungsteilhabe.

Der Perspektive von Schüler:innen Raum zu geben, ist deshalb auch für die datengestützte Schulentwicklung ein wichtiger Wegweiser. Sie erweitert den Blick über Leistungsdaten hinaus und macht sichtbar, wie Lern- und Lebensräume in Schule wahrgenommen werden. Genau hier setzt das derzeit entwickelte Befragungstool EchoUp an. Schüler:innen beantworten Fragen zu Aspekten, die für das Erleben von Schule sowie für ihre Lern- und Entwicklungsprozesse wesentlich sind: Zugehörigkeit, Beziehungen zu Mitschüler:innen und Lehrkräften, Selbstwirksamkeit, Belastung und Sorgen, Umgang miteinander sowie demokratische Teilhabe. Fragen danach, ob Schüler:innen sich als Teil der Schulgemeinschaft fühlen, Unterstützung durch Lehrkräfte erleben, sich in der Schule sicher fühlen, Stress wahrnehmen oder bei wichtigen Themen mitentscheiden können, machen sichtbar, wo Schule bereits als unterstützend erlebt wird – und wo Entwicklungsbedarfe bestehen.

Zugleich gilt auch hier: Daten entfalten ihren Wert nicht durch die Erhebung allein. Entscheidend ist, dass sie in pädagogische Deutung, Dialog und konkretes Handeln übersetzt werden. Wenn Rückmeldungen aus der Schülerperspektive systematisch erhoben, verständlich aufbereitet und in Entwicklungsgespräche überführt werden, entstehen wichtige Anlässe für Reflexion und Veränderung: Wo fehlt Zugehörigkeit? Wo werden Belastungen sichtbar? Wo erleben Schüler:innen Mitsprache – und wo nicht? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Unterricht, Begleitung und Schulkultur?

EchoUp kann so zu einem Ausgangspunkt für eine beteiligungsorientierte und lernbezogene Datenkultur werden, in der die Stimmen von Schüler:innen systematisch hörbar und die tatsächlichen Erfahrungen und Bedürfnisse junger Menschen sichtbar werden. Daten aus Schülerfeedback sind damit kein Zusatz, sondern ein zentraler Baustein datengestützter Qualitätsentwicklung von Schule.

Unsere Kernbotschaft: Wer Schule wirksam weiterentwickeln will, muss auch wissen, wie Schüler:innen sie erleben. Daten zu Wohlbefinden, Zugehörigkeit und Beteiligung sind deshalb kein Zusatz, sondern eine zentrale Grundlage für pädagogische Qualität und schulische Entwicklung.

Die verbindende Klammer: Daten als Ausgangspunkt für ein lernendes Schulsystem

Die drei Ebenen stehen nicht nebeneinander, ganz im Gegenteil. Sie greifen ineinander und entfalten ihre Wirkung nur im Zusammenspiel. Genau deshalb sollte datenbasierte Schulentwicklung nicht als Technikprojekt verstanden werden, sondern als Prozess gemeinsamen Lernens über Veränderung. Deswegen braucht es neben der Stärkung von Datenstrukturen den Aufbau und die langfristige Verankerung einer Lernkultur im gesamten System, auf allen Ebenen der beteiligten Akteure.

Veränderung in Schule und Bildungssystem gelingt dort, wo Akteure lernen, mit Informationen produktiv umzugehen, gemeinsam Schlüsse zu ziehen und ihr Handeln daran auszurichten. Datenbasierte Schulentwicklung ist immer ein Lernprozess: Schulen lernen, ihre Praxis besser zu verstehen, Lehrkräfte verbinden Diagnostik mit Förderung, Systeme gestalten Steuerung unterstützend statt kontrollierend, und Schüler:innen werden als Mitgestaltende einbezogen.

Von unserer Reise nach Ontario, wo datengestützte Schulentwicklung ein fester Bestandteil des lernenden Systems ist, haben wir drei zentrale Erfolgsfaktoren für den wirksamen Einsatz von Daten in Schule mitgenommen: Trust, Purpose, Learning. Datenarbeit braucht Vertrauen, einen klaren pädagogischen Zweck und eine Kultur, in der Lernen auf allen Ebenen möglich wird. In diesem Sinne ist datenbasierte Schulentwicklung ein Change-Learning-Prozess. Daten helfen dort, wo sie in Dialog, Vertrauen und gemeinsame Entwicklung eingebettet sind.