Damit eine Trendumkehr, wie im Roadmap-Prozess von Bund und Ländern vereinbart, gelingt, braucht es in den Bildungsministerien Wissen und Kompetenz, um Veränderungsprozesse anzustoßen und zu begleiten. Mehrere Bildungsstiftungen wollen hier ihre Expertise einbringen: mit einer Agentur für ein handlungsfähiges Bildungssystem.
Die Landkarte liegt auf dem Tisch. Nur: Eine gute Karte allein bewegt niemanden vom Fleck. Die Roadmap von Ländern und Bund macht zum ersten Mal aus einzelnen Reformen eine Gesamtstrategie – ein nicht zu unterschätzender Kraftakt: Innerhalb von zehn Jahren sollen deutlich weniger Kinder und Jugendliche die Mindeststandards verfehlen.
Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Der Weg führt durch Ministerien, Kommunen und Schulaufsicht bis in jedes Klassenzimmer. An jeder Schnittstelle müssen Menschen Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Dass ein solches System nicht von selbst in Fahrt kommt, ist kein Versagen Einzelner. Auf Beständigkeit angelegte Systeme zu modernisieren, braucht Ausdauer. Das zeigt eine Studie von McKinsey aus 2024: Nur 20 Prozent der untersuchten Bildungssysteme erreichen ihre Transformationsziele. Wo es gelingt, sieht man die Kohärenz aus verbindlicher Führung, klaren Prioritäten, Koordination und Kommunikation der Beteiligten und Ebenen sowie bewusst aufgebauten Kompetenzen für Veränderung und Umsetzung in der Verwaltung.
Es braucht Fahrtraining für neues Terrain. Schulleitungen, Lehrkräfte, Schulaufsicht und Verwaltung sitzen im Fahrersitz, sie gestalten die Veränderungen in ihrer jeweiligen Verantwortung. Auf diesem bekannten Terrain fahren sie kompetent und geübt, aber neue Wege brauchen zusätzliche Fähigkeiten. In der Praxis hören wir: Der Wille ist da, aber für große Veränderungsprozesse fehlen Zeit, Erfahrung und Unterstützung. Gestaltung und Umsetzung von großen Veränderungsprozesse ist bislang nicht Teil der Ausbildung in Ministerien. Deswegen muss mehr Umsetzungskompetenz im System aufgebaut werden. Ein Weg dafür sind transformationserfahrene Partner, die flächendeckende Umsetzung am praktischen Beispiel begleiten und Bildungsakteure so auch für weitere Veränderungsprozesse qualifizieren.
Nachsteuern ist Teil jeder Fahrt. Niemand kennt jede Baustelle, bevor die Fahrt beginnt. Aber wer Datenpunkte nutzt und nachsteuert, kommt voran. Stichwort datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung: Ein Land kann Lernstandserhebungen beschließen. Ob sie Kindern helfen, hängt davon ab, ob Lehrkräfte daraus konkrete Lernschritte ableiten, Fortbildung und Schulaufsicht sie unterstützen und Rückmeldungen aus Schulen die Entscheidungen des Landes erreichen. Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen müssen dabei früh eine Stimme haben. Sonst wird die Umsetzung wertvolle Ressourcen verbrauchen und doch im Sand stecken bleiben.
Außergewöhnliche Zeiten brauchen außergewöhnliche Antworten. In der Zivilgesellschaft gibt es erfahrene Partner, die Verwaltung und Bildungseinrichtungen unterstützen können und wollen. Um diese Expertise als gemeinsamen Invest für die Umsetzungsfähigkeit des Bildungssystems zu bündeln, gründen mehrere Stiftungen und zivilgesellschaftliche Akteure eine professionelle, eigenständige Einrichtung für Transformation, die Agentur für ein handlungsfähiges Bildungssystem. Diese Agentur unterstützt Länder dabei, Rollen zu definieren, Beteiligte früh einzubinden und wirksame Ansätze aus Forschung und Praxis sowie dem In- und Ausland in die Breite zu bringen.
Wie kann sie helfen? Bildung ist ein Geflecht berechtigter, teils gegensätzlicher Interessen schulisch und außerschulisch, Land und Kommune, Eltern, Kinder und Lehrkräfte, engagierte Vorreiter und Nachzügler. Es braucht den Aufbau von professionellem Vertrauen über Hierarchien hinweg, eine neue Fehlerkultur und gute Kommunikation zwischen den Ebenen. Hier kann jemand helfen, der nicht selbst Vertreter von Teilinteressen ist.
Die Länder bleiben am Steuer. Die Agentur ist unabhängig und überparteilich, verfolgt keine eigene bildungspolitische Agenda. Die Zivilgesellschaft finanziert ihre Kernleistungen; die Länder bringen ein klares politisches und langfristig angelegtes Mandat und auf ihrer Seite ihre besten Leute ein. So wächst nicht nur die Wirkung einzelner Vorhaben, sondern auch die Fähigkeit des Systems, Veränderungen künftig selbst zu gestalten. Erste Kooperationen mit Ländern sind in Vorbereitung, etwa bei datengestützter Unterrichtsentwicklung und landesweiten Bildungsstrategien.
Die Roadmap muss schon auf den ersten Kilometern ihre Glaubwürdigkeit beweisen. Deswegen ist der Fokus auf Umsetzung und Befähigung der Akteure im System genauso wichtig wie die guten Ziele. Die Trendumkehr im deutschen Bildungswesen, wie sie im Roadmap-Beschluss als Ziel gesetzt ist, findet erst statt, wenn die Veränderung im Klassenzimmer angekommen ist.
Dieser Beitrag ist erstmals bei Bildung.Table in der Ausgabe vom 16. Oktober 2026 erschienen.
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