Weltweit gewinnen autoritäre Kräfte an Einfluss – mit spürbaren Folgen für Bildungssysteme. Bildung ist ein zentrales Machtinstrument für autoritäre Ideologien: Bildungsorte wie die Schule prägen junge Menschen langfristig. Zugleich sind Lehrkräfte, Eltern und weitere Akteur:innen Teile des Bildungssystems und werden durch Veränderungen direkt betroffen. Autoritäre Kräfte nutzen das und wirken durch Reglementierung, Zentralisierung und ein Klima der Angst tief in die Gesellschaft hinein.
Am Beispiel Ungarns wurde diese Entwicklung beim Bildungstalk von Change Learning und dem Bundeselternnetzwerk (bbt) am 26. Februar in Berlin diskutiert und Schlüsse gezogen, wie das demokratische Bildungssystem proaktiv und präventiv agieren kann.
Drei zentrale Learnings für das deutsche Bildungssystem
Im Ergebnis sehen wir drei zentrale, nach vorne gerichtete Learnings für das deutsche Bildungssystem:
- Demokratische Kultur systematisch stärken: Demokratie muss im Schulalltag erlebbar sein – durch Mitbestimmung, Praxisbezug und die Förderung von Selbstwirksamkeit.
- Solidarische Netzwerke ausbauen: Zivilgesellschaft, Eltern, Lehrkräfte und Schüler:innen sollten sich frühzeitig vernetzen, um autoritären Tendenzen gemeinsam und sichtbar entgegenzutreten. Dabei braucht die Zivilgesellschaft Unterstützung.
- Strukturen resilient gestalten: Verbindliche länderübergreifende Standards auch in Fächern wie Geschichte und Politik, starke Institutionen und ein klares demokratisches Selbstverständnis im Bildungssystem sind entscheidende Schutzfaktoren für die Zukunft.
Ungarn als Warnsignal und die Rolle der Zivilgesellschaft
Mit dem Blick auf die autoritären Entwicklungen in Ungarn schilderte der Elternaktivist György Miklós zu Beginn unserer Veranstaltung, wie das dortige Bildungsministerium aufgelöst und dem Innenministerium unterstellt wurde. Entscheidungen – etwa zu Curricula – werden zentral und oft ohne jeglichen Praxisbezug ideologisch getroffen, kritische Stimmen eingeschüchtert. Staatlicherseits wird viel dafür getan, ein Klima der Angst zu schüren: Nicht regierungskonforme Institutionen werden delegitimiert, menschenfeindliche Sprache gezielt für marginalisierte Gruppen eingesetzt. Früh erkennbare Warnsignale seien unterschätzt worden. Ziel der Regierung sei es, Macht zu sichern und gesellschaftliche Kontrolle auszuweiten.
Als zentrales Gegenmittel betonte Miklós Solidarität und eine starke Zivilgesellschaft. Autokraten seien nicht durch Argumente zu überzeugen; wichtiger sei es, Gemeinschaften zu stärken und Engagement zu fördern, um dem Gefühl der Vereinzelung entgegenzuwirken.
Der Blick auf Deutschland: Politische, rechtliche und gesellschaftliche Hebel
Mit Blick auf Deutschland diskutierten Vertreter:innen aus Schülervertretung, Politik, Wissenschaft und Elternschaft, wie demokratische Kultur im Bildungssystem präventiv gestärkt werden kann. Entscheidend sei nicht allein mehr Politikunterricht, sondern Schule als Ort gelebter Demokratie: praxisnaher Unterricht, die Fähigkeit, rhetorische Manipulation zu erkennen, und vor allem die Stärkung von Selbstwirksamkeit durch echte Mitbestimmung. Demokratie müsse im Schulalltag erfahrbar sein.
Zugleich wurde gewarnt, dass autoritäre Kräfte auch in Deutschland grundlegende Veränderungen im Bildungssystem anstreben – etwa weniger Vielfalt, weniger Mitbestimmung und ein Curriculum, das keine unliebsamen Inhalte mehr enthält. Dem müsse mit einer klaren demokratischen Haltung begegnet werden. Schulen, Schulleitungen und Lehrkräfte müssten zwar parteipolitisch neutral sein, aber nicht wertneutral: Alle Beteiligten stünden in der Verantwortung, aktiv für demokratische Grundwerte einzutreten.
Strukturell komme dem Bildungsministerium auf Länderebene große Bedeutung zu – etwa bei Personal, Curricula und Organisation. Deswegen müssten demokratische Parteien diesem Ministerium und dem Politikfeld Bildung mehr politische Beachtung und Wertschätzung schenken. Neben dem Fokus auf das Einzelland habe der Föderalismus eine zentrale Funktion – weswegen er auch nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus weiter gestärkt wurde:
Länderübergreifend sichern Standards, koordiniert durch die Bildungsministerkonferenz, gemeinsame Qualitätsmaßstäbe ab. Daran könnten auch autoritäre Regierungen in einzelnen Ländern alleine nichts ändern. Standards gelten bereits jetzt etwa für Deutsch, Mathematik und Englisch. Um Inhalte in Geschichte und Politik verbindlich zu verankern und die Fächer aufzuwerten, seien Standards für diese Fächer sinnvoll. Gleichzeitig können auch Elternrechte von autoritären Kräften instrumentalisiert werden. Umso wichtiger ist es, unter Eltern das Bewusstsein für den Wert eines demokratischen Bildungssystems zu stärken. Denkbar sei auch, marginalisierte Perspektiven in Elterngremien rechtlich zu verankern, sodass sie nicht ausgegrenzt werden können.
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