25 Menschen, die fürs Lernen brennen, vier Impulse und eine Menge Diskussionsstoff: Das war die Grundlage für unseren Bildungstalk zum lernenden Schulsystem am 7. Mai 2026 in Berlin. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie kommen wir zu strategischer Personalentwicklung und guter Führung im Schulsystem? Wie machen es andere Länder und was können wir in Deutschland davon lernen? 

Länder wie Singapur und Kanada zeichnen aus: 

  • die selbstverständliche Zusammenarbeit in Teams innerhalb der Schule und darüber hinaus, 
  • die Lust, Herausforderungen gemeinsam anzupacken,
  • und die Freude daran, durch gemeinsames Arbeiten zu lernen und zu wachsen. 

Genau darin zeigt sich ein lernendes System. Wenn Lehrkräfte auf diese Weise arbeiten können und wenn diese Haltung über alle Ebenen des Systems hinweg getragen wird, profitieren auch Schüler:innen davon. 

In Deutschland stehen wir an vielen Stellen noch am Anfang. Mit unserem Projekt Change Learning unterstützen wir deshalb die Schulsysteme der Länder dabei, sich in diese Richtung weiterzuentwickeln. Das Zielbild teilen viele innovative Akteur:innen im und um das Schulsystem. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie gelingt der Weg dorthin? Wie kommen wir weg vom Diskurs über Fehlerkultur – ein Begriff, der im Englischen nicht existiert! – hin zur Lernkultur? Zu einer Kultur also, in der gemeinsames Lernen an Herausforderungen im Mittelpunkt steht. 

Entwicklungspfade für Lehrkräfte: Der Blick nach Singapur 

Unsere Impulsgeber:innen zeigten dafür im Bildungstalk konkrete Wege auf. 

Alexander Brand nahm die Teilnehmenden zunächst mit nach Singapur. Professionelle Lerngemeinschaften gehören dort selbstverständlich zum Schulalltag. Für viele Lehrkräfte ist die gemeinsame Arbeit an einem konkreten Ziel über ein ganzes Schuljahr hinweg sogar ein Highlight. Teams präsentieren ihre Ergebnisse gegenseitig im Kollegium und lernen dabei voneinander. Spürbar, auch für Externe: Die Leidenschaft dafür, durch dieses Handeln zu lernen und zu wachsen. Im eigenen Schulkontext, in gleicher Weise aber auch über die eigene Schule hinaus in Schulclustern. 

Besonders spannend: Die Ausbildung der Lehrkräfte ist kürzer als in Deutschland. Dahinter steht die Überzeugung, dass Lernen im System wichtiger ist als die Idee einer „perfekten“ Ausbildung. Junglehrkräfte werden durch ein klares Mentoringsystem begleitet. Nach drei Jahren entscheiden sie sich für einen Entwicklungspfad: den „Teaching Track“, den „Leadership Track“ oder den „Specialist Track“. Rund 60 bis 65 Prozent der Lehrkräfte schlagen einen solchen Weg ein. Das motiviert, sorgt für viel Auftrieb im System und macht den Lehrerberuf darüber hinaus auch noch attraktiv. Diejenigen, die keinen Entwicklungspfad wählen, tragen übrigens ein eigenes Label: HOT – Happy Ordinary Teachers. 

Verantwortung gemeinsam tragen: Perspektiven aus Kanada 

Anschließend richtete Anne Sliwka den Blick nach Kanada. Dort prägt gemeinschaftliches Arbeiten das Selbstverständnis von Lehrkräften und Führungspersonen im gesamten System. Das schafft Selbstbewusstsein und Mut, Herausforderungen aktiv anzugehen. Eine wichtige Grundlage dafür sind Daten: Sie helfen, Entwicklungen sichtbar zu machen, Probleme zu erkennen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Daten dienen dabei nicht der Kontrolle, sondern als Ausgangspunkt für Gespräche und gemeinsames Lernen. 

Das zugrunde liegende Verständnis folgt einem „Growth Mindset“: Jede und jeder kann sich weiterentwickeln und will das auch. Diese Haltung prägt die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, Schulleitungen und Schulaufsicht. Sie alle tragen gemeinsam die Verantwortung und nehmen diese auch wahr. 

Kulturwandel im deutschen Schulsystem 

Schon die beiden ersten Impulse sorgten für viel Gesprächsstoff. Manche Schulleitungen schaffen es, in ihren Kollegien Lerngemeinschaften Auftrieb zu geben – Kolleg:innen in Positionen zu bringen, in denen sie gemeinsam Freiräume zum Gestalten erhalten, um Schüler:innen gelingendes Lernen zu ermöglichen: in den Basiskompetenzen, beim Projektlernen und darüber hinaus. 

Allerdings scheinen sie eher die Ausnahme als die Regel zu bilden – sodass die systemische Frage bleibt: Wie gelingt es, dass Schulleitungen sich insgesamt ermutigt fühlen, die Zusammenarbeit im Kollegium zu stärken und Personalentwicklung strategisch voranzutreiben? 

Deutlich wurde: Dafür braucht es einen kulturellen Wandel. Das Zusammenspiel von Schulaufsicht und Schulleitungen wird bislang häufig noch nicht als gemeinsame Arbeit an einer Sache verstanden. Schulverbünde oder Schulfamilien gibt es bislang eher selten, dabei könnten sie Orte gegenseitiger Inspiration und Unterstützung sein. Gleichzeitig gibt es ermutigende Ansätze, die zeigen, dass Veränderung möglich ist. 

Hamburg als Beispiel für strukturelle Unterstützung 

Christiane von Schachtmeyer vom Landesinstitut für Qualität und Qualitätsentwicklung in Hamburg machte deutlich, welche Rahmenbedingungen Zusammenarbeit fördern können. Ein Beispiel dafür ist das Hamburger Lehrkräftearbeitszeitmodell, das bereits 2003 eingeführt wurde. Anders als in vielen anderen Bundesländern richtet sich die Arbeitszeit dort nicht ausschließlich nach Unterrichtsstunden. Auch Zusammenarbeit und weitere Aufgaben von Lehrkräften werden berücksichtigt. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Kooperation nicht als zusätzliche Belastung empfunden wird. 

Hinzu kommt die Berufseingangsphase: Hamburger Junglehrkräfte werden in den ersten drei Berufsjahren in Gruppen begleitet sowie durch Workshops, Coaching und Beratung unterstützt. Die begleitete Zusammenarbeit stärkt die Professionalisierung und hilft dabei, individuelle Entwicklungspfade zu erkennen. Für eine strategische Personalentwicklung ist das ein wichtiger Schritt, auch wenn in diesem Bereich deutschlandweit weiterhin viel Potenzial besteht. 

Strategische Personalentwicklung als Chance 

Mit genau diesen Fragen beschäftigt sich aktuell auch Svenja Mareike Schmid-Kühn. Sie führt Gespräche mit Akteur:innen aus dem Schulsystem und darüber hinaus und brachte weitere Perspektiven in die Diskussion ein: Warum ist der Begriff „Karriere“ im Schulsystem oft negativ besetzt? Wie könnte ein Schulsystem aussehen, in dem Entwicklung und Karriere positiv verstanden werden? Wie kann strategische Personalentwicklung gelingen, in Schulen und über alle Ebenen des Systems hinweg? Und wie lassen sich Räume schaffen, in denen Lehrkräfte auch außerhalb des Klassenraums positive Rückmeldungen und Anerkennung erfahren? 

In der Diskussion haben ihre Gesprächsimpulse gezeigt: Genau diese Fragen beschäftigen Akteur:innen im System auf allen Ebenen. Der Lehrkräfteberuf kann durch klarere Entwicklungspfade und mehr Zusammenarbeit attraktiver werden – im Kollegium, zwischen Schulen und über die Ebenen hinweg. So kann auch mehr Wertschätzung für die kleinen und großen Leistungen entstehen, die Lehrkräfte, Schüler:innen und Schulgemeinschaften schaffen. Ein kleines, aber wichtiges Merkmal lernender Schulsysteme.