Wie können duale Lehramtsstudiengänge sinnvoll gestaltet werden? Welche Chancen bieten sie für die Lehrkräftegewinnung? Und welche Herausforderungen entstehen, wenn neue Studienmodelle neben grundständigen Lehramtsstudiengängen existieren? Diesen Fragen widmeten sich rund 80 Teilnehmende aus Hochschulen, Schul- und Wissenschaftsministerien, Schulen, Lehrkräftebildungseinrichtungen und Gewerkschaften auf der dritten Vernetzungstagung zum dualen Lehramtsstudium in Erfurt, die die Bertelsmann Stiftung am 1. und 2. Juni 2026 gemeinsam mit dem CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Erfurt ausgerichtet hat. 

Ein Blick in die Praxis: Das Erfurter Modell 

Den Auftakt bildete ein Deep Dive in den dualen Lehramtsstudiengang für Regelschulen an der Universität Erfurt. Hier zeigte sich, warum er neue Studierende anzieht und auch, warum er nicht für alle Lehramtsinteressierten interessant sein dürfte. Das duale Lehramtsstudium ist eine Lösung für eine spezifische Gruppen von Studieninteressierten. Von den Erfahrungen, insbesondere mit Blick auf die Theorie-Praxis-Verzahnung können auch grundständige Studiengänge profitieren. 

Der Studiengang wurde vor dem Hintergrund sinkender Absolvierendenzahlen entwickelt. Während die Zahl der Absolvent im regulären Lehramtsstudium zwischen 2014/15 und 2024/25 von 75 auf 30 zurückging, konnten mit dem dualen Studiengang in den ersten beiden Jahrgängen bereits 120 Studierende gewonnen werden. 

Besonders attraktiv scheint das Modell für Studieninteressierte zu sein, die finanzielle und berufliche Sicherheit suchen, Wert auf Praxisnähe legen und pädagogisch motiviert sind. Gleichzeitig ist die Entscheidung weitreichend: Die Studierenden erhalten von Beginn an eine Vergütung, verpflichten sich jedoch, nach Studium und Referendariat mehrere Jahre an einer Thüringer Regelschule zu arbeiten. 

Was sich als Gelingensbedingungen herauskristallisiert 

Die Diskussionen zeigten mehrere Faktoren, die für den Erfolg dualer Lehramtsstudiengänge entscheidend sind: 

  • Intensive Studienberatung vor Studienbeginn, damit Interessierte eine informierte Entscheidung treffen können. 
  • Abgestimmte Kriterien für die Auswahl der Studierenden, auch wenn das Schulamt für die Auswahl der Studierenden allein verantwortlich ist. 
  • Ein Onboardingpraktikum zu Studienbeginn, das Studierende früh in das Kollegium und den Schulalltag integriert und einen Perspektivwechsel ermöglicht. 
  • Intensive Begleitung und Unterstützung der Studierenden durch Mentor:innen an den Schulen sowie Supervision und fachdidaktische Kleingruppenangebote an der Universität. Dies trägt dazu bei, die besonderen Anforderungen eines Studienmodells zu bewältigen. 
  • Regelmäßige Kommunikation inklusive institutionalisierter Gesprächsformate zwischen allen beteiligten Institutionen, um Studium und Praxis eng miteinander zu verzahnen. 

Gerade die intensive Betreuung und die institutionenübergreifende Zusammenarbeit wurden als zentrale Voraussetzungen für das Gelingen hervorgehoben. 

Innovation braucht Mut 

Dass der Studiengang heute existiert, ist das Ergebnis eines außergewöhnlich schnellen Entwicklungsprozesses: Nur 23 Monate lagen zwischen dem ersten Konzeptpapier und dem Studienstart. 

Möglich wurde dies durch die enge Zusammenarbeit von Ministerium, Universität, Schulämtern und Schulen: weil alle Beteiligten sich einig waren, dass sie auf die Bedarfe der Lehrkräftebildung nicht nur reagieren, sondern sie proaktiv gestalten wollten. 

Die Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten der Universität Erfurt, Julia Knop, beschrieb diese Haltung als mutig und innovativ. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und aus Erfahrungen zu lernen.

Ambiguitäten als Teil der Lösung? 

Teil der Vernetzungstagung war erneut die intensive Diskussion an Tischen, in Formaten wie dem World Café und im Plenum. Eine spannende Diskussion entspann sich nach dem Vortrag von Natalie Friedrich, die die Begleitforschung zum dualen lehramtsbezogenen Masterstudium in Baden-Württemberg vorstellte. 

Besonders intensiv diskutiert wurde ihr Befund, dass in Interviews unterschiedliche Widerspruchskonstellationen thematisiert wurden. Die Diskussion entspann sich an der Frage, inwiefern bestimmte Widerspruchskonstellationen überhaupt auflösbar sind, z. B. weil Institutionen wie Schule und Hochschule unterschiedliche Logiken haben. Der Tenor: Nicht alle Ambiguitäten lassen sich auflösen, sie sollten jedoch produktiv bearbeitet werden.  

Statt nach einfachen Lösungen zu suchen, könnte es daher sinnvoll sein, solche Spannungsfelder sichtbar zu machen und gemeinsam zu reflektieren. Gerade für Studierende kann dies zur Entwicklung von Ambiguitätstoleranz beitragen – einer Kompetenz, die auch im späteren Berufsalltag von Lehrkräften bedeutsam ist. Voraussetzung dafür ist allerdings eine entsprechende Begleitung. 

Innovative Wege für die Lehrkräftebildung 

Die Tagung hat erneut gezeigt, wie viel Engagement, Gestaltungswillen und Umsetzungsstärke die Akteur:innen im Feld der Lehrkräftebildung mitbringen. Zwar entspannt sich der Lehrkräftemangel in einigen Bereichen, gleichzeitig bleibt er in bestimmten Regionen, Schulformen und Fächern weiterhin groß oder verschärft sich sogar. 

Um dem entgegenzuwirken, braucht es innovative Konzepte wie duale Lehramtsstudiengänge. Auch wenn sie nicht die eine Lösung für alle Probleme darstellen, leisten sie einen wichtigen Beitrag, neue Zielgruppen für den Lehrerberuf zu gewinnen und die Verbindung von Theorie und Praxis neu zu denken. 

Die bisherigen Erfahrungen machen Mut. Wichtig ist nun, die gewonnenen Erkenntnisse weiterzugeben und erfolgreiche Elemente auch für andere Lehramtsstudiengänge nutzbar zu machen: zum Nutzen angehender Lehrkräfte, der Schulen und letztlich der Schüler.