Wenn die neuen PISA-Ergebnisse veröffentlicht werden, dürfte das bekannte Ritual beginnen: Schlagzeilen über schlechte Leistungsergebnisse, schnelle Schuldzuweisungen und ein Wettbewerb um die griffigste Einzelmaßnahme. Doch Aktionismus ist die falsche Antwort. Auch eine Debatte, die vor allem nach Verantwortlichen für schlechte Ergebnisse sucht, wäre eher Teil des Problems statt einer Lösung.
Deutschlands Bildungswesen hat nicht zu wenige Programme, im Gegenteil. In den vergangenen 25 Jahren ist Maßnahme auf Maßnahme gefolgt. Es fehlt an den systemischen und kulturellen Bedingungen, unter denen Schulen und ihre Partner kontinuierlich besser werden können. Dabei kommt es entscheidend auf zwei Dinge an: Vertrauen und Verantwortung.
Vertrauen und Verantwortung statt neuer Einzelmaßnahmen
Warum braucht es mehr Vertrauen? Weil das Schulsystem selbst strategischer und lernfähiger werden muss. Viele Einzelprogramme verfolgen richtige Ziele. Für Schulen und Schulverwaltung bedeuten sie jedoch zusätzliche Anträge und Verfahren, neue Vorgaben und parallele Projekte. Häufig fehlen Zeit, verlässliche Unterstützung und die Möglichkeit, Erfahrungen systematisch auszuwerten. Wer Veränderung umsetzen soll, muss sie auch gestalten können.
Dazu gehört das Vertrauen darauf, Probleme, Zweifel und Fehler ansprechen zu können, ohne Bloßstellung oder Gesichtsverlust befürchten zu müssen. Denn ein lernendes System muss zunächst einmal wissen dürfen, was nicht funktioniert. Wo Lehrkräfte, Schulen oder Verwaltungen die Sorge haben, mit schlechten Ergebnissen vor allem sich selbst zu gefährden, werden Fehler eher verdeckt als reflektiert. Wo dagegen Vertrauen herrscht, können datenbasierte Erkenntnisse zum Ausgangspunkt gemeinsamer Verbesserung werden.
Ein systemischer Ansatz beginnt deshalb nicht mit der Frage: Welche neue Maßnahme verordnen wir? Sondern: Was brauchen Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulträger und Bildungsverwaltungen, um Probleme offen zu benennen, aus Daten zu lernen, Prioritäten zu setzen und gute Ansätze weiterzuentwickeln? Dazu gehören wenige aber klare Ziele, eine verlässliche Datengrundlage, qualifizierte Führung, gemeinsame Lern- und Entwicklungszeit und Netzwerke, in denen Erfahrungen und erfolgreiche Lösungen geteilt werden. Dazu gehört aber auch eine (Führungs-)Kultur auf allen Ebenen, die Veränderung nicht über Kontrolle und Druck organisiert, sondern über gemeinsame Verantwortung und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Vertrauen bedeutet dabei nicht, auf Transparenz oder Rechenschaft zu verzichten. Es ist keine weiche Zugabe zu einem ansonsten technisch funktionierenden System. Vertrauen ist eine gemeinsame Ressource – ein Gemeingut des Bildungssystems –, das durch politische Entscheidungen, Verwaltungsverfahren, Führung und auch durch die öffentliche Kommunikation gestärkt oder beschädigt werden kann.
Damit sind wir beim zweiten Punkt: Die notwendigen Veränderungen können nur gelingen, wenn wir als Gesellschaft insgesamt Verantwortung für die Bildung übernehmen und ihr endlich den politischen und gesellschaftlichen Stellenwert verleihen, der ihr zusteht. Sie ist kein Ressortthema unter vielen, sondern zentrale Ressource und Infrastruktur unseres Landes: für wirtschaftliche Stärke und Innovation, für gelingende Integration, gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine widerstandsfähige Demokratie.
Deutschland braucht deshalb eine gemeinsame und leidenschaftliche Vorstellung davon, was gute Bildung in diesem Land leisten soll – über Legislaturperioden und Zuständigkeitsgrenzen hinweg. Im Kern geht es um ein einfaches Versprechen: Jedes Kind soll unabhängig von seiner Herkunft die grundlegenden Kompetenzen und die Chancen erhalten, die es für ein selbstbestimmtes Leben braucht. Programme, Investitionen und politische Entscheidungen müssen sich erkennbar und kohärent an diesem Versprechen ausrichten, statt an einzelnen Kennzahlen.
Bei der öffentlichen Auseinandersetzung mit PISA 2025 darf es daher nicht darum gehen, wer wo wie viele Punkte verloren hat. Ebenso wenig sollten die Ergebnisse hitzige Debatten über das nächste Maßnahmenpaket auslösen. Stattdessen müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Wie schaffen wir ein Bildungssystem, das aus seinen Ergebnissen lernt – und in dem die Akteure genügend Vertrauen zueinander haben, um Probleme offen anzusprechen und gemeinsam zu lösen?
Die angemessene Reaktion auf PISA ist deshalb nicht, hektischer zu werden. Sie ist, lernfähiger zu werden. Und Lernfähigkeit entsteht dort, wo Verantwortung und Vertrauen zusammenkommen.
Dieser Beitrag ist erstmals bei Bildung.Table in der Ausgabe vom 2. September 2026 erschienen.
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