Bildungssysteme stehen unter Druck, etwa durch zu wenig Lehrkräfte, knappe öffentliche Finanzen und eine gesellschaftliche Polarisierung, die unser demokratisches Miteinander vor immense Herausforderungen stellt. Wie können Schulen in ihrer Eigenständigkeit gestärkt werden, damit sie den Anforderungen vor Ort begegnen können? Und welche Antworten finden Schulen darauf, allen Kindern und Jugendlichen in einer immer diverseren Gesellschaft gerecht zu werden?

Wie unter sich verändernden Bedingungen noch eine wirksame Bildungspolitik gestaltet werden kann, und wer dabei mitreden sollte, zeigte sich im Beteiligungsprozess Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035.

Das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt unter Führung ihres gerade neu ins Amt gekommenen Ministers Jan Riedel und die Bertelsmann Stiftung haben sich im Herbst 2025 entschieden, die vielen Herausforderungen offen und partizipativ anzugehen. Wir, das nexus Institut und das Team Change Learning, haben das Ministerium im Beteiligungsprozess für das Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035 unterstützen dürfen. In einem früheren Beitrag auf diesem Blog ging es um die Frage, wie Staat und Zivilgesellschaft gerade unter Druck zusammenarbeiten können. Die These: Bildungspolitik gelingt nur, wenn Verwaltung und Zivilgesellschaft eng und auf Augenhöhe gemeinsam arbeiten. Der Beitrag der Zivilgesellschaft muss von der Verwaltung als Entlastung erlebt werden, inhaltlich zu den priorisierten Zielen passen, sich in bestehende Prozesse integrieren lassen und handhabbar bleiben. Umgekehrt muss die Zivilgesellschaft ernstgenommen werden und spüren, dass ihre Beiträge und Ideen zu echten Veränderungen führen.

Integration und Zusammenarbeit, statt Parallelstrukturen: Landesschulbeirat als Anker im Prozess

Ausgangspunkt des Beteiligungsprozesses waren die Handlungsempfehlungen einer Expert:innenkommission zur inhaltlichen Weiterentwicklung des Schulwesens in Sachsen-Anhalt. Mit dem Ziel die Inhalte und deren Umsetzung zu konkretisieren haben wir im Oktober 2025 den Beteiligungsprozess Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035 gestartet. Der Landesschulbeirat (LSBR) hat als zentrales Begleitgremium die Konzeption und Durchführung von Anfang an mitgestaltet. Das Gremium bringt unter anderem Schüler- und Elternvertreter:innen, Gewerkschaften und freie Schulträger an einen Tisch und berät den Bildungsminister und das Ministerium in allen Fragen der Schulgestaltung. Es bündelt das Wissen und die Legitimität der Schulpraxis an einem Ort und sorgt dafür, dass Entscheidungen stärker an den tatsächlichen Bedarfen von Schulen, Lehrkräften, Schüler:innen und Eltern ausgerichtet sind.

In ko-kreativen Kleingruppen arbeiteten die Mitglieder gemeinsam an konkreten Fragestellungen – mit dem Fokus auf Zusammenarbeit statt auf das Vertreten einzelner Positionen. Auch im weiteren Prozess blieb der LSBR eng eingebunden: Er nahm zu den in den Regionalforen entwickelten Maßnahmenvorschlägen und deren Bewertung durch das Ministerium Stellung und sollte auch künftig die Umsetzung begleiten. Die Arbeit mit einem bestehenden, demokratisch legitimierten Gremium zeigt: Integration statt Parallelstruktur, damit die Kooperation für Verwaltungen tragfähig ist.

Dialog und Sammlung von Ideen und Maßnahmen: Regionalforen als breites Beteiligungsformat

Für den direkten Dialog mit der Schulpraxis haben wir in drei Regionalforen 450 Menschen zusammengebracht: Schüler:innen, Elternvertreter:innen, Lehrer:innen, Schulleitungen, Schulverwaltung, Sozialarbeiter:innen, weitere Bildungsanbieter und verschiedene Organisationen. In rund 120 Diskussionsrunden haben die Teilnehmenden zu den vier Handlungsfeldern Chancengerechte Schule, Eigenständige Schule, Professionalisierung des Personals und Zeitgemäßes Lernen in einer Kultur der Digitalität gearbeitet. Nach Auswertung und Zusammenführung sind daraus 181 Maßnahmenvorschläge entstanden.

Eine referatsübergreifende Gruppe aus Mitarbeitenden des Ministeriums hat anschließend jeden Vorschlag nach Wirkung und Umsetzungsaufwand bewertet. Ziel war es die Maßnahmen zu identifizieren, die hohe Wirkung und zugleich auch umsetzbar erscheinen. 30 Maßnahmen erhielten die Einstufung „Gamechanger“ mit sehr hoher Wirkung, 55 weitere eine hohe Wirkung, und 91 Maßnahmen zeigten insgesamt ein besonders gutes Verhältnis von Aufwand und Wirkung.

Aus den priorisierten Maßnahmen wurden insgesamt 17 Maßnahmencluster zu den vier Handlungsfeldern gebildet. Ergänzt wurden diese um das Handlungsfeld Demokratiebildung, das der Landesschülerrat als wichtiges Anliegen der Schüler:innen einbrachte, sowie um das Handlungsfeld Partizipationskultur zur Verstetigung der im Prozess entwickelten Beteiligungspraxis. Zusammen bildeten diese Handlungsfelder mit den Maßnahmenclustern die Grundlage für die sechs Workshops der anschließenden Bildungskonferenz.

Gemeinsame Vision: Bildungskonferenz zur Zielbildentwicklung

Ziel der Bildungskonferenz war es, die vielfältigen Ergebnisse aus Landesschulbeirat, Regionalforen und Maßnahmenbewertung zu einem gemeinsamen Zukunftsbild für das Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035 zusammenzuführen. In jedem der sechs thematischen Workshops ist je ein Zukunftsbild entstanden: zu Zukunftskompetenzen, Demokratiebildung, Unterstützungsstrukturen für Schüler:innen, Berufseinstieg ins Lehramt, mehr Eigenständigkeit für Schulen und einer partizipativen Kultur der Bildungslandschaft.

Zusammengeführt ergeben sie ein gemeinsames Zielbild für das Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035, das unterschiedliche Anliegen zu einer gemeinsamen Richtung verbindet. Ein solches Zielbild ist mehr als eine Beschreibung des Wünschenswerten: Es liefert einen gemeinsamen Maßstab, an dem sich einzelne Maßnahmen bei der Umsetzung ausrichten und gegeneinander priorisieren lassen – und schafft eine Orientierung, die über einzelne Projekte und Legislaturperioden hinausträgt.

Durch einen umfassenden Beteiligungsprozess ist ein Zielbild zum Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035 entstanden, das durch das Engagement vieler Akteure hohe Relevanz, Legitimität und Strahlkraft besitzt. Die Themen, Maßnahmenvorschläge und das Zielbild wurden im Landesschulbeirat, in den Regionalforen und auf der Bildungskonferenz von den zivilgesellschaftlichen Akteuren selbst entwickelt – in enger Abstimmung mit dem Ministerium. Weil die Beteiligten ihre eigenen Prioritäten und Ideen formuliert haben, trägt das Zielbild eine Legitimität und Wirkmacht, die ein allein von der Verwaltung entwickeltes Papier nie haben könnte.

Entlastung schaffen: Umsetzung und Zusammenarbeit im Ministerium unterstützen

Durch das Wissen der Zivilgesellschaft und Schulpraxis darüber, was vor Ort gebraucht wird und den rechtlichen, finanziellen und administrativen Möglichkeiten des Ministeriums entstehen Lösungen, die bedarfsgerecht und umsetzbar sind. Dieses Zusammenspiel herzustellen und dabei beide Seiten zu unterstützen, ist der Kern unserer Arbeit.

Deshalb haben wir von Beginn an ebenso intensiv mit den Mitarbeitenden des Ministeriums zusammengearbeitet wie mit Landesschulbeirat und Schulpraxis. In mehreren Workshops mit Vertreter:innen aller Referate haben wir den Beteiligungsprozess geschärft und die Umsetzung gemeinsam geplant.

Ein zentrales Werkzeug für die Umsetzungsplanung ist der Veränderungskompass, den wir für Beteiligungs- und Veränderungsprozesse wie diesen entwickelt haben: sieben Hebel für gelingenden Wandel, von Richtung und Sinn über Führung und Steuerung bis zu Kommunikation, Fachwissen und Verankerung. In einem Workshop mit dem Bildungsministerium haben die Mitarbeitenden aller Referate in Kleingruppen entlang der Hebel des Kompasses konkrete Umsetzungspläne für ihre Maßnahmencluster entwickelt – je nach Stand der Überlegungen mal detaillierter, mal grundsätzlicher. Die Rückmeldung war durchweg positiv: Der Kompass half, Umsetzungsschritte zu strukturieren, blinde Flecken frühzeitig zu erkennen und eine gemeinsame Sprache für die weitere Zusammenarbeit zu finden.

Bilanz aus Phase 1

Die Bilanz nach Phase 1 ist überwiegend positiv – und sie zeigt vor allem: Verwaltung und Zivilgesellschaft können, wenn sie es wollen, eng und konstruktiv zusammenarbeiten. Durch die vielen Beteiligungsveranstaltungen und die klare, intensive Kommunikation des Ministers ist bei vielen Akteuren die Überzeugung gewachsen, dass sich das Bildungssystem nur gemeinsam und mit geteilter Verantwortung weiterentwickeln lässt. Das Ministerium zeigt eine hohe Offenheit für diese neue Arbeitsweise und nutzt die Chance einer strukturierten Zusammenarbeit mit der Schulpraxis.

Ausblick: Was bleibt, wenn sich die politische Landschaft verändert

Mit dem Ergebnis der Landtagswahl hat sich die politische Landschaft in Sachsen-Anhalt grundlegend verändert. Nun gilt es zu beobachten, in welcher Weise die entwickelte Kultur der Zusammenarbeit, die Erfahrungen und die Ergebnisse aus dem Beteiligungsprozess auch unter einer neuen Regierung weitergeführt und berücksichtigt werden.

Unser Dank gilt allen, die den Beteiligungsprozess Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035 mit ihren Perspektiven, Ideen und ihrer Zeit bereichert haben: den Schüler:innen, Eltern, Lehrkräften, Schulleitungen und weiteren Beteiligten aus der Schulpraxis, den Mitgliedern des Landesschulbeirats, den Mitarbeitenden des Bildungsministeriums, sowie allen Teilnehmenden der Regionalforen und Bildungskonferenz. Ihr Engagement hat diesen gemeinsamen Weg möglich gemacht.